DSCHIGITOWKA - Das traditionelle Trickreiten der Kosaken

Die Ursprünge des Trickreitens liegen vermutlich Jahrhunderte zurück im Kaukasus und dem dort angesiedelten Reitervolk der Tscherkessen. Für diese waren Pferde nicht nur enge Begleiter im Alltag sondern vor allem auch Mittel zur Kriegsführung gegen im Kaukasus einfallende Feinde. Der englische Reisende Edmund Spencer beschrieb um 1830 das akrobatische Kriegsreiten der Tscherkessen als den europäischen Reitweisen weit überlegen, und staunte, wie der menschliche Körper zu dieser Art von Schaureiten überhaupt im Stande sein konnte.1

In der Sprache der russischen und ukrainischen Kosaken (russ. sinngem. „freie Krieger"), tauchte für das tscherkessische Trickreiten der Begriff „Dschigitowka“ auf. Das Reitervolk der Kosaken, das sich zu einem nicht unerheblichen Teil aus entflohenen Leibeigenen zusammensetzte und patriotisch für Freiheit und Unabhängigkeit (u.a. von polnischer und russischer Fremdherrschaft) kämpfte, hatte eine ähnliche kriegerische Kunstreiterei vermutlich schon in alten Zeiten von jenen Reitervölkern übernommen, gegen die es selbst Krieg führte.2

Im 19. Jahrhundert wurde aus den einst umherziehenden, wilden Kosaken eine erbliche Kriegerkaste. In der Eliteausbildung zum Kosakenkrieger übten sich bereits junge Knaben durch reiterliche Geschicklichkeitsspiele in Kraft und Kondition. Obwohl, oder gerade weil das Erlernen und Einüben der Dschigitowka höchste Anforderungen an Reiter und Pferd stelle, erfreute es sich gerade bei jungen Männern großer Beliebtheit. In einem eigens angelegten Kosaken-Reglement wurde im 19. Jahrhundert festgelegt, dass die Dschigiten (russ. „Kunstreiter") „ohne Zwang“ und mit „Unternehmungslust" wirklich nützliche und praktische Übungen“ zu Pferde ausführen sollten. Die Sinnhaftigkeit der Übungen der gezeigten Tricks stand im Vordergrund jeder Dschigitowka, obgleich auch zirzensische Elemente, sofern sie denn aus eigenem Antrieb" ausgeführt wurden, bei Reiterspielen geduldet wurden.3

In den Reihen der sich bereits im Dienst befindlichen Kosaken gab es jedoch auf breiter Front auch Gegner des spielerischen Schaureitens. Dies hatte vor allem materielle Gründe: Die Kosaken rüsteten sich stets auf eigene Kosten aus. Bis auf ihr Gewehr ritten sie ausschließlich mit eigens erworbener oder mühsam angefertigter Ausrüstung. Um diese so lange als möglich zu erhalten, hatten sie freilich ein großes Interesse daran, jedwedes Material zu schonen. Bei der Dschigitowka allerdings konnten durch Stürze sowohl Reiter und Pferd als auch Sattel, Uniform sowie sonstige Ausrüstung erheblichen Schaden nehmen.4 Insofern wurde die Dschigitowka wohl nicht bei allen Kosaken in gleichem Maße mit gleicher Beliebtheit entwickelt und durchgeführt.

Quellenverzeichnis
1. Quiring, Manfred: Der vergessene Völkermord. Berlin, 2013, S. 135ff.
2. Tettau, Wilhelm von: „Die Kasaken-Heere“, Paderborn, Nachdruck von 1892, S. 256ff.
3. ebd., S. 259.
4. ebd. S. 260.
Foto: http://www.museumsyndicate.com/item.php?item=33935

 

Einige Übungen der Dschigitowka

Im Sinne des Kosaken-Reglements von 1892 nützliche" Übungen:

Links: Das verkehrte Sitzen auf dem Pferd, um rücklings auf Feinde feuern zu können.

Rechts: Das Verstecken hinter der Pferdeflanke, um feindlichen Kugeln auszuweichen.

Eine „zwecklosere" Übung laut dem Kosaken-Reglement: Aufheben eines Gegenstandes vom Boden und andere verwegene Reiterkunststücke mehr". Nichtsdestotrotz wird die Kühnheit, Gewandheit und Findigkeit von Pferd und Reiter auch in zweckloseren Übungen anerkannt, sofern diese aus eigenem Antrieb" vorgeführt werden.

Aufgrund ihrer spektakulären Darbietung blieb die Dschigitowka über die Jahrhunderte erhalten und wird heutzutage in zahllosen Shows und Zirkussen auf der ganzen Welt noch immer gezeigt. 

Quelle: Tettau, Wilhelm von: „Die Kasaken-Heere“, Paderborn, Nachdruck von 1892, S. 259.

Die Ausrüstung der Kosaken

Die Uniform der Kosaken des 19. Jahrhunderts zeichnete sich durch einen längeren, bis zum Knie reichenden Waffenrock (meist dunkelblau) und eine Hose mit breiten bunten Streifen aus, die in kniehohe Stiefel gesteckt wurde. Auf dem Kopf trugen sie schwarze Lammfellmützen (Papacha). Die Kaukasischen Kosaken trugen zudem einen langen schwarzgrauen Kaftan mit Metallhülsen für je 10 Patronen auf jeder Brustseite und farbigen Achselklappen. Zum Antreiben der Pferde verwendeten die Kosaken keine Sporen, sondern eine kleine Peitsche (Nagaika). 

Der Sattel bestand - und besteht noch heute - aus einem hölzernen Bock mit Sattelkissen, welches gleichzeitig als Packsack genutzt wurde. Die Sattelgurte hatten einen besondere Vorrichtung zur Dschigitowka.
Alles Lederzeug ist schwarz.  

Quelle: Tettau, Wilhelm von: „Die Russische Kavallerie in Krieg und Frieden“, Paderborn, Nachdruck von 1897, S. 43ff.